Der Jahrgang 12 besucht die Thalheimer- Inszenierung von Kleists „Zerbrochnem Krug“ im Deutschen Schauspielhaus

Kleists Literatur bietet viel Interpretationsspielraum – das macht es für viele Regisseur*innen so interessant, mit ihr zu arbeiten. Sein Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ bildet hier keine Ausnahme. Der renommierte TheaterregisseurMichael Thalheimer inszenierte das Stück am Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon im Jahr 2017. Am 4. Dezember 2025 besuchte unser gesamter Jahrgang 12 die Vorstellung im Rahmen des Deutschunterrichts.

In Kleists Lektüre geht es um eine Gerichtsverhandlung, die mehr aufdeckt, als sie soll: nämlich sexuelle Nötigung, die von einem autoritären und patriarchalischen Rechtssystem des 17. Jahrhunderts gedeckt wird. Diese Thematik bietet viel Raum für Kritik, die Thalheimer in seiner Inszenierung auch anbringt.

Die Guckkastenbühne teilte Olaf Altmann in zwei schmale, kleine Räume, welche die strenge gesellschaftlicheHierarchie unterstreichen, in der Kleists analytisches Drama spielt.

Das Schauspiel beginnt mit Adams (Carlo Ljubek) grotesker Gestik und Mimik. Als der Dorfrichter hereinschleicht- und kriecht, herrscht Untergangsstimmung. Diese Ernsthaftigkeit wird jedoch schnell durch spöttische Kommentare, lautesAuftreten und eine überzeichnete Mimik aufgelöst, sodass sich zunehmend eine komische Gesamtatmosphäre entwickelt.

Adam wirkt dabei weniger wie der versehrte Sexualstraftäter, der er ist, sondern vielmehr wie ein von einer Katze zerschundener Säugling, der sich im Dreck gewälzt hat, und einem fast leidtun kann. Sein Schreiber Licht (Christoph Luser) hingegen wirkt in seinem Anzug und mit seinem zynischen Lächeln gefährlich klug und überlegen. Ganz demWortwitz seines Namens entsprechend bringt er das Licht ins Dunkel. Und wer genau hinschaut, bemerkt, dass das Lichtschwindet, sobald der Schreiber von der Bühne tritt.

Thalheimer spielt mit Symbolen und arbeitet mit Details. Da ist zum Beispiel der Puder: Als Gerichtsrat Walter (Markus John) erscheint, beginnt Adam, sich herzurichten – und pudert sich ein. Als Walter an ihn herantritt, gelangt der Puderauch auf ihn. Der Dorfrichter „beschmutzt“ all jene, die ihm zu nah kommen.

Die Schauspieler*innen haben eine starke Präsenz, ihre Bewegungen sind präzise. Nur ihr Blick wirkt etwas starr. Denn oft sprechen sie ins Publikum – ganz so, als wären wir Adam, als richteten sie sich an uns als die einzigen, die ein Urteil über die Schuldfrage fällen können.

Ein „Happy End“ gibt es nicht: Denn Adam kommt davon. Als wäre dies für Eve (Josefine Israel) nicht genug, wird sie gegen Ende der Vorstellung auch noch von Walter sexuell belästigt. Dies löst wahrlich einen Schock in den Publikumsreihen aus. Walter, der zuvor integer erschien und einem weisen Opa glich, verwandelt sich plötzlich in eine widerwärtige Figur, die Eves ohnmächtige Situation schamlos ausnutzt. Das offene Ende lässt Eves Zukunft bewusst im Unklaren.

Im Großen und Ganzen ist es ein sehenswertes Stück, das zum Nachdenken über misogyne, patriarchale und autoritäre Systeme anregt. Inhaltlich knüpft die Inszenierung deutlich an aktuelle gesellschaftliche Debatten wie die #MeToo-Bewegung an und lenkt die Aufmerksamkeit auf sexualisierte Gewalt. Thalheimers „Krug“ ist also nicht nurkünstlerisch eine Bereicherung, sondern übt auch eine deutliche Kritik an Missständen unserer Gegenwart.

Dayana Lusina (S3)