Lernen durch Perspektivwechsel: VR-Workshop eröffnet neue Sicht auf Obdachlosigkeit in Hamburg
Wie fühlt es sich an, mitten in Hamburg auf der Straße zu leben und von vielen Menschen trotzdem behandelt zu werden, als wäre man unsichtbar? Mit dieser Frage setzte sich ein PGW-Kurs des 11. Jahrgangs im Rahmen des VR-Workshops „UNHOME“ von GoBanyo auseinander. Ermöglicht wurde der Workshop durch die finanzielle Unterstützung des Schulvereins. Mithilfe von VR-Brillen konnten die Teilnehmenden für eine begrenzte Zeit in die Perspektive eines Menschen ohne festen Wohnsitz eintauchen.
Die Virtual-Reality-Erfahrung führte an Orte, die allen aus dem eigenen Alltag vertraut sind: an den Hamburger Hafen, bekannte Kreuzungen und sogar in eine S-Bahn, wie sie auch direkt in der Nähe unserer Schule hält. Die Teilnehmenden begegneten in der Simulation Situationen, die für obdachlose Menschen zum Alltag gehören können: ignoriert zu werden, abfällige Kommentare über das eigene Aussehen oder den eigenen Geruch zu hören, um Hilfe bitten zu müssen oder in bedrohliche Situationen zu geraten. Dabei wurde spürbar, wie schnell alltägliche Entscheidungen existenziell werden können, wenn Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten und verlässliche Unterstützung fehlen.
Neben der VR-Erfahrung beschäftigten sich die Gruppen mit Biografien und möglichen Wegen in die Wohnungslosigkeit. Dabei ging es um Arbeitslosigkeit, fehlende Rücklagen, psychische Erkrankungen, Schicksalsschläge, bürokratische Hürden und die Schwierigkeit, ohne feste Adresse, Unterlagen oder Krankenversicherung wieder Zugang zu Unterstützung zu finden. So wurden auch vertraute Leistungsnarrative hinterfragt: Die Biografien zeigten, wie brüchig die Vorstellung werden kann, das eigene Leben allein durch Anstrengung und Leistung absichern zu können, wenn Krankheit, Krisen, fehlende Rücklagen und bürokratische Hürden zusammenwirken.
Wie sehr die Erfahrung nachhallte, zeigte sich in den anschließenden Reflexionen des Kurses. Im Mittelpunkt stand dabei die Erfahrung sozialer Unsichtbarkeit: ignoriert, abgewertet oder wie selbstverständlich übergangen zu werden. Eine Stimme aus dem Kurs beschrieb, besonders eindrücklich sei gewesen, wie herablassend Menschen reagieren können und wie stark sich der Alltag ohne festen Wohnsitz von dem Leben unterscheidet, das viele als selbstverständlich voraussetzen. Eine weitere Rückmeldung hob hervor, wie belastend es sich anfühlen könne, beim Betteln vollständig ignoriert zu werden, und wie schnell fehlende Rücklagen, Arbeitslosigkeit oder bürokratische Hürden in eine existenzielle Krise führen können. Gleichzeitig zeigte die Reflexion, dass ein Perspektivwechsel nicht bedeutet, schwierige Alltagserfahrungen auszublenden. Auch kritische Perspektiven hatten Raum: Einige berichteten von eigenen Unsicherheiten oder negativen Erfahrungen im Kontakt mit obdachlosen Menschen, etwa wenn Situationen als aufdringlich oder bedrohlich wahrgenommen wurden. Die Reflexion blieb also nicht bei Betroffenheit stehen. Sie führte zu der Frage, wie man Menschen in schwierigen Situationen wahrnehmen kann, ohne eigene Grenzen und Unsicherheiten auszublenden.
Am Ende nahmen viele einen veränderten Blick mit. Niemand kann durch eine VR-Brille wirklich wissen, wie es ist, obdachlos zu sein. Aber der Workshop konnte spürbar machen, was es bedeuten kann, übersehen, beschämt oder ausgeschlossen zu werden. Eine zentrale Einsicht blieb deshalb besonders hängen: Menschen ohne festen Wohnsitz nicht wie „Geister“ zu behandeln, sondern sie wahrzunehmen. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen: durch einen freundlichen Blick, ein kurzes Wort, eine kleine Geste oder auch dadurch, Hilfe zu holen, wenn eine Situation ernst wirkt. Eine Rückmeldung brachte zudem den Wunsch zum Ausdruck, solche Workshops häufiger und auch in jüngeren Jahrgängen durchzuführen. Der Nachmittag zeigte: Perspektivwechsel können nachwirken – besonders dann, wenn sie an Orte, Fragen und Begegnungen anschließen, die zum eigenen Alltag gehören.
Ein Beitrag von Hannes Lübcke


